Internationale FC-Tagung in Basel am 15./16. Mai 2009
„Forschung und Praxis im Dialog“
Bericht: Christiane Nagy
„Die Fachtagung soll eine sachliche Diskussion um die Methode der gestützten Kommunikation, um ihre Chancen und Grenzen neu beleben.“ So lautete das Ziel dieser grenzüberschreitenden Veranstaltung mit fast 300 Teilnehmern aus 7 europäischen Ländern, die von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg (Projekt KAFCA, Prof. Dr. Theo Klauss, Dr. Frauke Janz) in Kooperation mit dem IFC (Institut für gestützte Kommunikation, Schweiz – A. Alfaré und Th. Huber-Kaiser) veranstaltet wurde.
Um den Diskurs zu fördern, wurden auch Referenten eingeladen, die der Methode der Gestützten Kommunikation kritisch gegenüberstehen; leider zogen zwei von ihnen ihre ursprüngliche Zusage zurück. Dennoch war der Gesamteindruck der Tagung: die Diskussion ist wieder in Bewegung gekommen, die Forschung geht neue Wege, die Praxis stellt sich in Frage und verändert sich.
Forschung
Die Forschung zu FC, die in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts vor allem in den USA stattfand, beschäftigte sich hauptsächlich mit der Frage, ob eindeutig vom Nutzer stammende Aussagen via FC nachweisbar seien, und kam meist zu negativen Resultaten. Die Aussagekraft dieser Ergebnisse wurde wiederum häufig hinterfragt, u.a. weil eine Laborsituation sich nicht mit natürlich vorkommender Kommunikation gleichsetzen lässt.
Eine andere Richtung schlugen die auf der Tagung vorgestellten Forschungsprojekte ein. Statt sich von vorneherein auf das Testen der Autorenschaft als wichtigstes Ziel festzulegen, untersuchten sie aus verschiedenen Blickwinkeln die natürlich vorkommenden Interaktionen zwischen Stützern und Nutzern. Dies aus der Überlegung heraus, dass bei FC, unabhängig von der Frage nach der Autorenschaft, in jedem Fall Interaktionen zwischen Nutzern und Stützpersonen stattfinden. Dieser Prozess ist zu untersuchen, wenn verstanden werden soll, was bei FC vor sich geht.
Dr. A. Emerson (University of Nottingham) analysierte umfangreiches Textmaterial, das in einer Institution im Lauf von 6 Jahren in der Alltagskommunikation mehrerer Stützer und Nutzer entstand, daraufhin, ob sich in der Wortverwendung ein persönlicher Stil zeigt. Ergebnis der Studie war, dass sich sowohl Fälle fanden, wo in der Kommunikation eines Stützers mit unterschiedlichen Nutzern typische Wendungen vorkamen, d.h. wo sein Einfluss zu vermuten war – womit noch keine Wertung verbunden sein muss, da das auch ein Kennzeichen normaler Kommunikation sein kann. Bei der Mehrzahl der FC-Nutzer fanden sich jedoch in der Kommunikation mit unterschiedlichen Stützern auch Beispiele für eine individuelle Ausdrucksweise, die für authentische Äußerungen sprechen.
Dr. A. Grayson und Dr. A Emerson (University of Nottingham) untersuchten in Videoaufnahmen von FC-Interaktionen (2 Kameras und eye-tracking-Ausrüstung), wie die Blickrichtung der Nutzer auf die Computer-Tastatur zeitlich mit ihrem Antippen bestimmter Buchstaben korreliert war. Sie konnten in der Mikroanalyse dieser Aufnahmen nachweisen, dass bei ihren Probanden in signifikanter Häufigkeit das Anpeilen des Buchstabens mit dem Blick begann, bevor die Zeigebewegung mit der Hand eingeleitet wurde – was sich mit der Hypothese einer Steuerung durch den Stützer schlecht vereinbaren lässt.
Prof. Klauss und Dr. Janz (Pädagogische Hochschule Heidelberg) untersuchen derzeit in der KAFCA-Studie die Interaktionen von 5 Stützer / Nutzerpaaren, die gleichzeitig mit 4 Kameras aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen werden. Es werden bestimmte Aufgabenstellungen vorgegeben; analysiert wird, welche Aktivitäten bei Stützern und Nutzern zu beobachten sind. Die Ergebnisse einer Pilotstudie und die vorläufigen Resultate bei zwei Stützer / Nutzer-Paaren deuten darauf hin, dass die Aktivitäten der Stützer sich weniger direkt auf die Produktion bestimmter Inhalte auswirken, sondern eher die für die Beteiligung am schulischen Lernen erforderliche Handlungsorientierung des Nutzers ermöglichen.
Auch A. Alfaré (Universität Basel) analysiert das Interaktionsverhalten von Stützer-Nutzer-Paaren aufgrund sehr umfangreicher Videoaufnahmen natürlich vorkommender FC-Interaktionen von über 100 Nutzern und über 100 Stützern aus Coachings, Trainings, Alltagsinteraktionen und Anbahnungen, und sie entwickelt Kategorien zu ihrer Beschreibung. Entscheidend für diese Analysen ist, von den Verhaltensweisen bei FC auszugehen, wie sie tatsächlich von Stützpersonen und Nutzern alltäglich gezeigt werden, da sich letztlich die Effektivität jeder UK-Methode in der Praxis erweisen muss, nicht im Modell. Als wichtigster Begriff zur Beschreibung der Verhaltensweisen bei FC geht jener der Koordination hervor. Es sei keine bestimmte Form der physischen Stütze erkennbar als spezifisch für FC-Interaktionen, spezifisch für ‚Stütze’ sei vielmehr eine körperliche Koordination mit den Aktivitäten des Nutzers. Aus diesen Analysen lassen sich auch direkt Kriterien für die praktische Arbeit ableiten; dazu s. weiter unten.
Erklärungsmodelle für FC
Mit dem theoretischen Hintergrund, nämlich der Hypothese, dass die Probleme autistischer FC-Nutzer auf ihre Schwierigkeiten in der neuromotorischen Organisation zurückgehen könnten, beschäftigen sich vor allem Dr. F. Benassi und Dr. L. Emberti (Universität Tor Vergata, Rom), und finden in neuesten Forschungen im Bereich Neurologie und Neuropsychologie Bestätigungen dafür (z.B. Dziuk et al., University of Texas, 2007; Ming et al., New Jersey Medical School, 2007). Die italienische Forschungsgruppe begleitet und dokumentiert die Entwicklung von über 500 Nutzern und führt mittlerweile auch selbst mit einigen von ihnen neurologische Untersuchungen durch.
M. Härtel (Hertie-Institut für klinische Hirnforschung und Universität Tübingen) untersuchte u.a. bei einem FC-Nutzer, wie sich Latenzen, Bewegungsdauer und Zeigefehler zielgerichteter Handbewegungen unter verschiedenen Bedingungen verhalten – ein interessanter Ansatz, der weiter verfolgt werden sollte.
Unter der Fragestellung „Was macht FC für autistische Menschen attraktiv?“ verglich Prof. Schleiffer (Universität zu Köln) als kritischer Beobachter aus Sicht der Systemtheorie nach Luhmann die Entwicklung der Kommunikation bei Stützer/Nutzer-Paaren mit der Entwicklung der Protokommunikation beim gesunden Säugling. Trotz einer skeptischen Einstellung gegenüber „FC-Erfolgsberichten“ sieht er die Chance, auf diesem Weg Kommunikation zu lehren und meinte abschließend, der Rechtfertigungsdiskurs schränke die Chancen von FC unnötig ein.
Aus der Innensicht machten sich Dietmar Zöller und andere FC-Nutzer Gedanken darüber, warum die Stütze vielen autistischen Menschen hilft. In vielen Selbstzeugnissen ist die Rede von der Schwierigkeit der Aktivierung, des Wollens, und von dem mangelnden Gefühl für den eigenen Körper. D. Zöller schrieb nach der Tagung: „Nun meine Quintessenz: Tippen ist Schwerstarbeit. Und das können Wissenschaftler nicht nachvollziehen, weil ihnen die eigene Erfahrung fehlt. Man geht in der Forschung viel zu sehr davon aus, dass das Gehirn der fc-Nutzer funktioniert, wie normale Gehirne funktionieren. Wann endlich gewinnt man Forscher für das Thema fc, die Experten sind für Gehirnforschung?“
Implementation
In zahlreichen Workshops konnte man sich darüber informieren, wie die praktische Arbeit in unterschiedlichen Einrichtungen in England, der Schweiz und Deutschland (z.B. Projekt PROSA in Gießen) aussieht und welche Aspekte der Implementation der Methode einer letztlich erfolgreichen Kommunikationserweiterung für die Nutzenden förderlich oder hinderlich sein können. Unter dem Titel „Unabhängigkeit im Blick“ stellte L. Vande Kerckhove (FC-Zentrum Bonn) 5 Jahre Erfahrung mit FC-Coaching vor.
International werden Standards für FC-Ausbildung und Anwendung diskutiert, die die Erkenntnisse der neueren Forschung und die Erfahrungen mit verschiedenen Ausbildungsmodellen einbeziehen. So wurde auf der Tagung das Zertifizierungsprogramm EFCIC vorgestellt, das in der Schweiz entwickelt wird. Es soll die Möglichkeit der Zertifizierung sowohl für einzelne Stützpersonen als auch für Institutionen anbieten. Die fähigkeitsbezogenen Standards sollen von einer noch einzurichtenden unabhängigen Zertifizierungsstelle vergeben werden. (Informationen unter www.efcic.ch ).
Als „Blick über die Grenzen“ möchte ich hier zwei Ansätze in der praktischen Arbeit noch etwas ausführlicher vorstellen.
In Italien hat die Gruppe um Emberti und Benassi als Ersatz für FC das kognitive Trainingsprogramm WOCE (Written Output Communication Enhancement = Kommunikationsverbesserung durch Schreiben) entwickelt. WOCE unterscheidet sich von herkömmlichen Formen von FC dadurch, dass zunächst das Training der Aufmerksamkeit und des gezielten Deutens im Vordergrund steht. Deuten auf Buchstaben und Einsatz von Schrift erfolgen erst später; Texte werden erst geschrieben, wenn die Stütze ganz oder fast ganz ausgeblendet ist. Buchstabenkenntnisse und die Fähigkeit zu schreiben werden noch nicht als Kommunikation betrachtet; Ziel von WOCE ist die Entwicklung des kommunikativen Schreibens, bei dem die Nutzer lernen, sich auf ihren Gesprächspartner einzustellen und eine für alle verständliche Sprache zu benützen.
Die Vorgehensweise von WOCE zeigt sicher Parallelen zu anderen autismusspezifischen Interventionen. Sie unterscheidet sich von ihnen aber durch den Schwerpunkt „Schriftsprache als Weg zur Kommunikation“. Die Methode verzichtet auf den bei FC manchmal recht spektakulären Einstieg mit sofortiger Anbahnung des Schreibens; dafür hat sie meines Erachtens gute Chancen, auch frühere Skeptiker zu überzeugen und die Nutzer selbständig und selbstsicher zu machen.
Auch A. Alfaré und Th. Huber-Kaiser (IFC Schweiz) haben sich in der Anleitung der Stützer und in der Charakterisierung dessen, was FC ausmacht, recht radikal von herkömmlichen Beschreibungen entfernt. In ihrer umfangreichen Analyse der unterschiedlichsten natürlichen FC-Interaktionen stellte Alfaré fest, dass die Formen von FC in der Praxis oft nicht den Beschreibungen in Seminaren entsprechen und so vielfältig und unterschiedlich sind, dass eine auf alle zutreffende Beschreibung nicht möglich ist.
Daher formuliert sie die Aufgabe des Stützers neu: er muss dem Nutzer dazu verhelfen, seine eigene Zeigebewegung zu organisieren. Mit diesem Ziel vor Augen wird der Stützer natürlich vieles weiter tun, was bisher in FC-Seminaren als seine Aufgabe beschrieben wurde. Statt aber ein Thema wie „Gibt es peripheres Sehen? Muss man die Nutzer zwingen, immer genau auf das zu zeigende Item zu schauen?“ zu diskutieren, trainieren die Stützer auch, „blind“ zu stützen. „Wie der Nutzer den Buchstaben trifft, das ist sein Problem,“ meint A. Alfaré; „Hauptsache, ich bin es nicht, die ihn hinführt.“
Das Ziel bedeutet auch einen ähnlichen Weg wie bei WOCE. Bei der Stützerausbildung wird Wert darauf gelegt, dass zunächst ein Training des zielgerichteten Zeigens mit möglichst wenig Stütze stattfindet, und das Schreiben von Texten kommt erst danach, wenn schon eine größere Sicherheit erreicht ist. Da jedoch in vielen Fällen autonome oder fast autonome Zeigebewegungen schon nach kurzer Zeit erreicht werden können, kann ein Schriftaufbau in der Regel auch recht bald angegangen werden. Auch werden von Anfang an Validationsaufgaben eingebaut, so dass das Vorgehen überprüfbar bleibt.
Für manche FC-Befürworter, die am Gewohnten hängen, mögen diese neuen Vorgehensweisen radikal oder nicht praktikabel erscheinen. Nicht jeder FC-Nutzer wird davon (noch) profitieren können. Ich meine aber, dass in solchen Weiterentwicklungen Chancen für die heranwachsende „Nutzer-Generation“ liegen, selbstbewusst und anerkannt kommunizieren zu lernen, und wünsche ihnen daher viel Erfolg.
Die Tagungsbeiträge werden im von Loeper-Verlag erscheinen und können voraussichtlich gegen Ende 2009 bestellt werden.



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