Im Wohnheim Tilia in Rheinau, einem Betrieb des kantonalzürcherischen Sozialamts, wird fc ernst genommen und täglich praktiziert. Ohne die Bereitschaft, fc zu lernen, anzuwenden und sich damit auseinanderzusetzen, wird in den Gruppen und Ateliers, die nicht sprechende Bewohner/-innen betreuen, niemand mehr angestellt. In einem Gespräch äußerten sich Birgit Mayer, Leiterin Fachdienst, und Franziska Dold, Fachleiterin einer Wohngruppe, über die Bedeutung ihrer Arbeit mit fc. Hier eine Auswahl ihrer Aussagen.
Die Einführung der fc als Methode vor zehn Jahren war nicht ganz einfach. Wie fc ablaufen und was sie bringen soll, davon hatte man in den Anfängen nur eine Ahnung, mehr nicht. Es wagten sich zuerst Einzelkämpfer vor, aber das war ein schwieriger Weg. Die Einführung dieser Methode vor nun beinahe 10 Jahren muss, institutionell gesehen, als gescheitert bezeichnet werden, da nur einzelne Stützer übrig blieben. Erst der zweite Anlauf der Einführung der fc im Wohnheim Tilia, ab Oktober 2007, gelang flächendeckend, dank strukturiertem Vorgehen, einem klaren Bekennen der Leitung zu dieser Methode und flankierender Maßnahmen.
Viele Bewohner des Wohnheims Tilia lebten über lange Jahre in der Psychiatrie, auch deshalb, weil es keine anderen geeigneten Lebensorte für diese Menschen gab. Sie hatten oft auch als Kinder und Jugendliche keine richtige Förderung erlebt. In Ermangelung von Alternativen bedeutete das Leben in diesem psychiatrischen Rahmen oft Fixation oder Isolation und Abgabe von Psychopharmaka. In den meisten Fällen wurde im damaligen psychiatrischen Fachjargon die Diagnose “eretische Idiotie” gestellt. Damit wurde eine sehr schwere geistige Behinderung mit krankhaft gesteigerter Reizbarkeit und Erregbarkeit bezeichnet.
Oft genug war die Diagnose nicht korrekt und es ist kein leichter Prozess, falsche Diagnosen später richtig zu stellen. Auch heute noch stellen wir durch die Fortschritte im Bereich der Kommunikation immer wieder fest, dass gerade Bewohner, die nicht sprechen können, automatisch als viel stärker behindert eingeschätzt werden, als sie das in Wirklichkeit sind. Das Bild ändert sich mit dem Erlernen von Methoden wie fc oft völlig.
Betreuungsqualität
Die Fortschritte im Zusammenleben mit Menschen, die eine Behinderung aufweisen, und die immer differenzierteren Ausbildungen haben ihren Teil dazu beigetragen, dass sich die Betreuungsqualität positiv weiterentwickelt hat. Fundierte Grundausbildung und professionelle Haltung sind wichtig, um unangebrachtes oder auffälliges Verhalten zu verstehen und ressourcenorientiert anzugehen.
Bei Menschen mit Autismus müssen wir bedenken, dass die Sinne nicht einfach verlässlich sind, und dies kann sich sogar graduell ändern im Laufe des Tages. Oft wissen Menschen mit Autismus nicht einmal, was in ihrem Blickfeld zum eigenen Körper gehört und was nicht. Oder sie interpretieren etwas nach eigenem Gutdünken, weil sie sich nicht anders abstützen können, und dann bleibt Falsches bestehen.
In der Praxis müssen wir feststellen, dass klassische Sozialpädagogen, die höflich viel erklären, wenn sie ein Anliegen haben, bei unserem Klientel oft untergehen. “Unsere Leute brauchen Halt”. Also ist eine gesunde Autorität am Platz. Sehr häufig geht es auch nicht anders als mit kurzen und klaren Anweisungen, wie “Fenster zu!”. Zu lange und zu komplizierte Aussagen können oft nicht bis zum Ende eines Satzes erfasst werden- so dass dann auch eine gewünschte Handlung gar nicht erfolgen kann.
Heute wissen wir sehr viel mehr als noch vor wenigen Jahren, vor allem über fc und den Einsatz bei Menschen mit Autismus. Wir haben viel hinzugelernt und lernen auch heute noch täglich dazu. Was die fc-Ausbildung anbelangt, so zeigt sich im Wohnheim Tilia folgendes Bild: Bei einem Bestand von rund 100 Mitarbeitern und Auszubildenden haben über 60 Personen den Basiskurs I besucht, 24 auch den Basiskurs II. Ein weiterer ist geplant. Auch regelmäßige Praxisbesuche unseres externen Beraters, Bruno Tieck, finden statt.
Bedingung für die Anstellung
Dies bedeutet, dass alle geschult worden sind, die Bewohner/-innen, die nicht sprechen können, in einer Wohngruppe oder einem Atelier betreuen. Selbstverständlich werden neue Mitarbeiter/-innen entsprechend herangezogen. Die Bereitschaft, eine solche fc-Ausbildung zu absolvieren – und das Erlernte dann auch in der Praxis umzusetzen, ist heute bei uns Bedingung für die Anstellung.
“Ohne fc geht es nicht, sie ist eine wichtige Voraussetzung für die Arbeit in den Gruppen.” fc wird auch immer mehr durch unsere Bewohner/-innen eingefordert. Ergänzend führte das Wohnheim Tilia am 19. März 2009 eine Fachtagung zum Thema „Kommunikation und Wahrnehmung“ durch. Da hieß es schon im Einleitungssatz, dass Kommunikation eben in die gleiche Kategorie falle wie Essen, Trinken und Schutz – “sie ist lebenswichtig. Ohne sie wird Leben wertlos.”
Selbständigkeit
Von den rund 80 Bewohnerinnen und Bewohnern kann ein Drittel nur eingeschränkt oder gar nicht sprechen. Der überwiegende Teil nutzt unterstützte oder gestützte Kommunikation fc. Elf kann man als eigentliche fc -Schreiber bezeichnen. Nach und nach baut sich Selbständigkeit auf. Ganz klar ist: fc löst nicht alle Probleme, zeigt aber die Richtung auf. “Ohne fc flögen wir einen ungewissen Blindflug”.
Schreit ein Bewohner stundenlang und wir haben keinen kommunikativen Zugang, so können wir oft nur raten Das Schreien kann manchmal auch ganz einfache Ursachen haben. So schrieb ein Bewohner, der stundenlang geschrien hatte, mittels fc „Ich habe Zahnweh. Ich möchte zum Zahnarzt gehen. Es tut weh“.
Sich der Gefahren bewusst sein
Selbstverständlich gibt es bezüglich der fc Vorbehalte, wie den der möglichen Manipulation. Wichtig ist, dass wir uns alle dieser Gefahr bewusst sind – und offen damit umgehen. So wird beispielsweise nicht toleriert, dass ein einzelner Bewohner nur durch eine einzelne Person gestützt wird. Genauso, wie es von den Mitarbeitern erwartet wird, so wird auch von den fc-Nutzern erwartet, dass sie bereit sind, mit allen Mitarbeitern zu schreiben, auch wenn es nicht immer um ganz persönliche Themen gehen muss, aber gewisse alltagsübliche Gespräche werden erwartet und eingefordert.
Die Methode der fc ist sehr zeitaufwändig und personalintensiv. Ziel ist es deshalb, diese so gut wie möglich im Alltag zu installieren, um dadurch wieder Ressourcen zu schaffen. Trotzdem gibt es auch immer wieder Situationen im Wohnheim, in denen wir mittels fc nur besprechen können, was in der momentanen Situation nötig ist. Dem Mitteilungsbedürfnis der Bewohner, die oft jahrzehntelang zum Schweigen verurteilt waren, können wir nicht immer gerecht werden – auch das ist Realität.
Wachsendes Vertrauen
Entscheidend ist: “Mit fc lassen sich Rückschritte verhindern. Und mit fc- geführten Dialogen lassen sich Dinge erreichen, die man sich nie hätte träumen lassen”. Alles verändert sich, es wächst Vertrauen. Man geht miteinander anders und besser um, da die Informationen genauer werden und Missverständnisse zum Teil ausgeräumt werden können.
Wenn früher Machtgefühle und Abhängigkeiten eine Rolle spielen konnten, so nimmt man sich im fc- Dialog gegenseitig ernst. Das Machtgefälle wird massiv verringert, auch wenn sicherlich auf den Punkt gebracht eine Abhängigkeit von den Stützern vorhanden ist – wir kommen uns näher. Dies nicht nur im körperlichen Sinn, bei der Stütze, sondern auch im übertragenen Sinn. Der gegenseitige Umgang wird viel mehr von Menschlichkeit geprägt, gegenseitiges Verstehen kann entstehen.
Kommunizieren – auch unter sich
Die Bewohner wollen beispielsweise auch Ängste loswerden, etwa wenn sie Fernsehberichte sehen, aber diese alleine nicht einordnen können. Die fc-Nutzer wollen auch unter sich kommunizieren, was ihnen im Alltag ungestützt nicht möglich ist.
Ein eigenes Forum, um auch einmal Gespräche mit anderen fc Nutzern außerhalb des Wohnheim Tilia führen zu können, wäre deshalb ihr großer Wunsch.
fc ist die eine Methode, die funktioniert und zu einer Verhaltensänderung und -verbesserung führt, wenn man sie ressourcenorientiert und wertschätzend anwendet. Wir stehen zu dieser Methode und können sie nur empfehlen, weil wir durch sie einen ganz anderen Zugang zueinander und einen anderen Umgang miteinander gefunden haben. Aggressionen nehmen ab, auch die Anzahl körperliche Übergriffe im Wohnheim.
Ist eine andere Einrichtung durch dieses Interview neugierig geworden, so kann der Heimleiter gerne mit uns Kontakt aufnehmen und sich mit uns austauschen.



1 Antwort bis jetzt ↓
1 SALOME // Jan 11, 2010 at 11:54
Gerne höre ich solche Berichte. Das macht Mut.
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